Die nackte Wahrheit. Zweideutig. Bewusst.

.Cyber-Mobbing.



2006: Die Nachrichten bei MSN und ICQ poppten auf: "Du Schlampe!", "OMG was machst du?!", "Was hast du dir dabei gedacht?". Ich öffnete die Chat-Fenster. Sah das Foto als Anzeigebild der anderen Personen.


Meine Gedanken riefen "FUCK FUCK FUCK". Ich rief meinen besten Freund an. "Ich hab es schon gesehen, ich komme sofort vorbei." Nach einem Gespräch mit ihm war mir klar, ich muss es meiner Mutter sagen. Ich ging zurück in mein Zimmer und rief meine Mutter zu mir. "Mama, ich habe etwas getan, etwas, worauf ich nicht stolz bin und ich weiß auch eigentlich nicht, wieso ich das gemacht habe..."


"Es gibt einen Jungen in meiner Klasse, den... den finde ich toll... und naja ich habe gedacht... er findet mich vielleicht auch toll... na... wenn ich ihm...

... wenn ich ihm ein Bild sende, worauf man etwas mehr sieht... Mama, ich bin oben ohne und in Unterhose. Ich habe es ihm bei ICQ gesendet und nun hat er es an all unsere Klassenkameraden in MSN und ICQ gesendet. Vermutlich auch noch an einige mehr..."


So wurde ich also innerhalb weniger Stunden ungewollt zum "Pornostar" meiner Schule.


Meine Mutter rief bei dem Jungen an. Die Eltern waren am Telefon und meine Mutter sprach mit ihnen. Ich weiß gar nicht mehr was genau sie gesagt haben, ich wusste gar nicht, was mit mir geschah. Was ich als nächsten tun sollte. Nach dem Telefonat beruhigte sie mich und wir sprachen noch eine Weile über die Situation. Auch an diese kann ich mich nicht genau erinnern, was ich aber wusste, dass ich am nächsten Tag in die Schule musste. Die Schüler treffen würde, die vor einer Stunde alle meinen nackten Oberkörper gesehen hatten. Den Oberkörper eines 14-jährigen Mädchens.


Meine Mutter bestärkte mich, es sei in Ordnung. Ich sollte denen zeigen, dass ich darüber stehe und mich der Situation stelle. Dies tat ich dann auch. Es war wie in einem Hollywood Film. Ich spürte die Blicke auf mir und ich wollte am liebsten im Erdboden versinken. Aus irgendeinem Grund, ich denke das habe ich meiner Mutter zu verdanken, überstand ich den Tag. Einige kamen in der Pause auf mich zu, fragten mich, wieso ich das gemacht habe. Nach einer kurzen Erklärung, dass ich es nicht wirklich weiß und es blöd war, hatten diese Mitleid und einige entschuldigten sich für die Anschuldigungen am Vorabend.


Auch der Junge, der dafür verantwortlich war. Dafür verantwortlich, dass dieses Foto bestimmt auch heut zu Tage noch auf dem ein oder anderen PC schlummert.


Er entschuldigte sich. Was wäre mir anderes übrig geblieben, als es an zu nehmen? Schließlich war ich damals schon ein Mensch, der an das Gute glaubte. Was mir mit meinen 14 Jahren natürlich noch nicht so bewusst gewesen war. Heute weiß ich es.


Es sprach sich herum. Erst bei den Schülern dann im Sekretariat und dann kam auch meine Lehrerin auf mich zu. Ich hatte damals großes Glück, die Woche nach dem Ereignis fanden 2-wöchige Praktika statt. Sie besuchte mich dort. Auch an das Gespräch erinnere ich mich nicht wirklich. Vermutlich hat auch sie gefragt, wieso, weshalb und dass ich da jetzt drüber stehen muss.


Ein Mädchen. Ein Foto. Ein Junge. Ein Klick. Kein zurück.





Mich hat dieses Ereignis geprägt. Immer wieder haben mich Menschen darauf angesprochen. Ich fühlte die Blicke im Schulbus auf mir. Ich wusste nicht, wissen sie es, reden sie über mich oder bilde ich mir das nur ein? Einige Jahre vergingen und Anfang meiner 20. kam dieses Foto dann wieder zur Sprache. Während meines Fachabiturs habe ich einen Jungen kennen gelernt. Dieser hat durch einen Mannschaftskollegen aus seinem Fußballverein von dem Foto erfahren. In meinem Kopf spielten sich Horrorszenarien ab. Was, wenn sich alles wiederholen würde? Damals war ich noch nicht stark genug, die volle Wahrheit zu erzählen. Also habe ich gesagt, dass das Bild durch einen "Ex-Freund" (wenn man das mit 14 Jahren so nennen kann) in Umlauf gekommen ist, der sauer auf mich war, weil ich Schluss gemacht habe. Das war einfacher für mich. Trotzdem eine Lüge. Eine Lüge für mein verletztes ich, dass noch nicht klar erkannt hat, was da eigentlich alles passiert war.


Diese Erfahrung hat mein Leben geprägt. Es hat meine Sexualität geprägt. Es hat mein Körpergefühl geprägt. Es hat mein "SEIN" geprägt. Lange Zeit habe ich mich selbst als Schlampe gesehen. Immer wieder kam mir das Foto in den Kopf.


Heute, 14 Jahre später, baue ich Schritt für Schritt wieder eine Beziehung zu meinem Körper auf. Nehme ihn war. Bin Dankbar das er gesund ist und mir Leben schenkt. Dieses Ereignis wird immer ein Teil von mir sein. Es hat mich durch den Schlamm und wieder heraus gezogen.





Dank dieser Erfahrung habe ich gemerkt, wer Freund ist und wer nicht. Ich bin heute noch für die beiden Personen Dankbar, die für mich da waren! Danke Pascal und danke Ramona. Ohne euch wäre der ganze Horror noch unerträglicher gewesen. Natürlich geht auch ein ganz großes Danke an meine Mutter die - was eine Mutter tut - an mich geglaubt hat obwohl ich es selbst nicht getan habe.


Durch den Glauben an das Gute im Menschen, durch meine unbeschreibliche Naivität (Ja! Ich liebe meine Naivität!) und meiner Dankbarkeit kann ich heute das Gute aus dieser Erfahrung ziehen. Ich habe danach nie wieder solche "Nudes" von mir versendet, definitiv aus der Erfahrung gelernt - haha.


Jeder von uns hat seine Geschichten. Gute als auch Schlechte. Das Wichtige ist, dass wir den Menschen, die uns verletzt haben, vergeben und dass wir uns selbst vergeben.

In meinem Beispiel: Ich vergebe mir dafür, dass mich meine jugendliche Dummheit dazu getrieben hat, dieses Foto zu senden. Ich vergebe dem Jungen, der das Foto verteilt hat und ich vergebe all denen, die mich verurteilt haben.


Wer nicht vergeben kann, wird immer an der Vergangenheit und an dem Schlechten hängen bleiben. Das jetzt und hier ist wichtig. Wer wir heute sind. Jeder kann sich ändern. Wir müssen Fehler machen um zu wachsen und wir müssen diese Fehler akzeptieren und daraus lernen. Wir können jeden Tag neu entscheiden wer wir sein möchten. Welche Werte wir vertreten. Jeden Tag kannst du wählen, wer du sein möchtest - die bestmöglichste Version von dir selbst!


Ich hoffe, dass meine Geschichte andere Frauen erreicht, die ähnliches erlebt haben und die wissen sollen, dass sie nicht alleine sind. Ich hoffe, dass meine Geschichte andere junge Frauen erreicht. Dass diese durch meine Geschichte sensibilisiert werden und nicht in die Versuchung gelangen, Fotos von sich im nackten "Zustand" zu versenden. Es geht heute wesentlich schneller und einfacher in solch eine Situation zu gelangen als noch vor 14 Jahren. Schütze dich vor Cyber-Mobbing!


Ich hoffe auch, dass Männer die meine Geschichte lesen sensibilisiert werden. Frauen sind nicht nur Brüste, Arsch und Beine. Verführt Mädchen und Frauen nicht, euch solche Bilder zu senden! Zeigt Respekt gegenüber dem weiblichen Körper. Haut zeigen ist keine Einladung. Gebt uns Frauen nicht das Gefühl, ihr bewertet uns nur nach dem wie wir angezogen sind. Ein Rock oder Kleid bedeutet nicht, dass wir Sex haben wollen. Wir Frauen leiden viel zu oft unter den Blicken von Männern. Viel zu oft wurde ich als junges Mädchen von Männern doppelten Alters angestarrt, angesprochen oder ekelhaft angelacht. Natürlich sind nicht alle so - versteht mich nicht falsch. Als Mann könnt ihr nicht wissen, wie es ist eine Frau zu sein. Deshalb versuche ich es zu erläutern. Ich möchte niemanden persönlich angreifen. Das ist nicht meine Art. Ich erzähle meine Geschichte. Erzähle von meinen Erfahrungen. Diese sind so wie beschrieben. Dazu kommt, ihr alle seid aus dem Ursprung entstanden. Dem Bauch eurer Mutter. Ja, du bist auf die Welt gekommen, durch die Vagina deiner Mutter. Dem Wunder jeder Frau! Wenn ich das so schreibe hört sich das witzig an, aber so ist es! Dafür brauchen wir uns nicht schämen.


Ich muss wieder lernen, dass es ok ist, wenn ich Haut zeige. Dann wenn ich möchte. Nicht wenn jemand anderes darüber entscheidet. Wir kommen nackt auf die Welt. Das ist unser natürlichster Zustand. Female-Empowerment, wir sind alle toll, mit großen Brüsten, kleinen Brüsten, Hängebusen, Spitzbusen, großem Po, faltigem Po, Orangen Po- YES YES YES! Macht euch frei von Idealen ihr wundervollen Frauen, ihr seid alle wunderschön!


Ich hoffe, dass jeder seine Vergangenheit verarbeiten kann und wieder in Liebe handelt. Wir alle haben verdient in Liebe zu leben, egal welche Fehler wir schon gemacht haben.


So, meine Hosen habe ich nun eindeutig runter gelassen... 😅. Schreib mir gerne, wenn du ähnliche Erfahrungen gemacht hast und wie du damit umgegangen bist. Vielleicht möchtest du dich dazu auch einfach gerne austauschen.


Wow, ich habe etwas bammel, wie du wohl reagieren wirst. Ich hoffe sehr, dass du mich nicht verurteilen wirst - denn wenn du das tust - dann hast du den Sinn meiner Geschichte nicht verstanden. Und ich hoffe von Herzen, dass ich durch meine Offenheit andere Frauen und Mädchen schützen kann.


Tschakka und besonders viel Liebe & positive Kraft an all die wundervollen Frauen


deine Maike




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